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Das Kind in der Krippe

Alle Jahre wieder weist im Krippenspiel ein Wirt die hochschwangere junge Frau und ihren Begleiter ab. In manchen Varianten bietet er ihnen einen Platz im Stall an, außerhalb von Bethlehem. Auch viele Bilderbücher erzählen die Weihnachtsgeschichte so. Doch was, wenn Lukas eine ganz andere Geschichte erzählt hat, die aber über Zeiten und Kulturen hinweg anders verstanden wurde und wird, als Lukas Zeitgenossen sie gehört haben?

Am 04. Dezember 2025 hatte sich die Theologin Dr. Annette Jantzen aus Aachen gängigen Motiven wie Jungfrauengeburt, Engel und Krippe aus den Weihnachtsgeschichten der Evangelisten Matthäus und Lukas gewidmet - und sich gefragt, wie deren erste Hörerinnen und Hörer sie wohl verstanden haben.

Dr. Jantzen machte klar: Matthäus und Lukas erzählen nicht, wie es wirklich gewesen ist. Das konnten sie nicht - und das war auch nicht ihre Absicht. Die beiden "Weihnachtsgeschichten" sind keine Reportagen, sondern Literatur, Erfindungen, mit denen die beiden Autoren vermitteln wollten, wer dieser Jesus von Nazareth für sie und für die ersten Jesusgläubigen gewesen ist. Sie verwendeten dazu gängige Motive ihres Kulturraumes und natürlich aus der Hebräischen Bibel. Eines dieser Motive ist die bis heute unter den christlichen Kirchen und über sie hinaus in unserer naturwissenschaftlich und (angeblich) rational geprägten Kultur umstrittene Jungfrauengeburt. Dr. Jantzen bezeichnete sie mit Blick auf den religionswissenschaftlichen und exegetischen Befund als "Einhorn der Antike". Jungfrauengeburten gehörten lt. Dr. Jantzen zum kulturellen Bilderbestand der Antike, der sie als ein so reales Phänomen kannte wie wir heute Einhörner. Die Autoren der Weihnachtsgeschichten konnten damit in Worte fassen, "dass es einen wirklichen Neuanfang geben kann, dass es Beziehungen ohne Besitzverhältnisse geben kann, dass in einem Menschenleben wirklich Gottes Gegenwärtigkeit aufleuchten kann." Ferner widmete sich Dr. Jantzen der Bedeutung von Krippe und Stall. Das Schlüsselwort für das heutige kulturelle Verständnis ist "Herberge". Jantzen erklärte, dass es zur Zeit des Lukas damit etwas völlig anderes auf sich hatte, als man heute annimmt, und forderte eine "Ehrenrettung für den Wirt". Lukas habe keine Geschichte der Ausgrenzung geschrieben, sondern eine von Solidarität und Geborgenheit.

Thomas Wagner

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